Tschööhö.

Diese Zeilen möchte ich dem ersten Trampelpfad widmen, den ich in Darmstadt entdeckte und den ich Dienstag komplett zerpflügt wiederentdeckte.

Damals lief ich nur, um ein wenig abzunehmen und das Laufen an sich war nicht wirklich das große Vergnügen für mich. Nur die Pflicht erfüllen um ein gutes Gefühl zu haben und das Stück Schokolade nicht auf den Hüften zu wissen. Ich lief immer die selben drei Schleifen durch den selben Teil des Waldes. 5, 8 oder 10 km. Auf den Schotterwegen schrubbte ich meine Kilometer und war stolz, wenn ich die „große Runde“ von 10 km hinter mir hatte. Von der Existenz des Trampelpfadlaufens wusste ich damals noch garnichts.
Monatelang lief ich an dieser – spaltweit offenen – Tür im dichten grün des Waldes vorbei, blickte durch den Spalt und sah einen Weg in das grünbraune Herz des Waldes führen. „Wo dieser schöne Weg nur hingeht?“ fragte ich mich jedes Mal, lief aber trotzdem weiter stumpf geradeaus…

Mai 2012. Der Bachelor war geschafft, ein Last fiel von mir und ich flog mit meiner Freundin nach Mallorca. Wohlverdienter Strandurlaub. Am Flughafen packte ich neben der ‚Runner’s World‘, der ‚aktiv laufen‘ und einer Spezialausgabe der ‚Runner’s World‘ auch das ‚TRAIL-Magazin‘ ein. Anfangs lief ich von der Ferienwohnung immer die Strandpromenade rauf und runter, wenn ich ganz krass drauf war auch mal zum Leuchtturm hoch. Doch nachdem ich das trail magazin mit Faszination las und erstmals feststellte, dass Laufen sich mal nicht unbedingt an Bestzeiten, Split-Zeiten oder der Pace misst, sondern an den Erlebnissen misst, war ich fasziniert. Kann man das „Erlebte“ mit einer Laufuhr messen? Ich wollte das auch mal ausprobieren. Ich wusste von einem Wanderweg, der von der Cala Agulla rüber zum Cala Mesquida führte und probierte diesen sofort aus. Ich verließ den Asphalt, kam auf den sandigen Wanderweg aus dem plötzlich ein waschechter Trampelpfad wurde. Steine, Geröll, Wurzeln, Staub, alles im mediterranen Stil und alles erstmal bergauf. Mein erster richtiger, kurzer und knackiger Anstieg in meinem damals knapp eineinhalbjährigen Läuferleben. Oben angekommen verfiel ich der Schnappatmung und mir brannten die Oberschenkel. Ein tolles Gefühl. Den Körper, der auf halbem Weg eigentlich schon keine Lust mehr hat, noch ein kleines bischen weiter zu treiben. Nur noch ein kleines bischen. Bis nach ganz oben.
Es machte ‚Klick‘ in meinem Kopf. Ein Licht geht auf. Ein Aha-Erlebnis.
Noch schnaufend hatte ich dann einen zauberhaften Blick über die Sonne, die gerade im Meer versank. Die ganzen Mühen und Strapazen hier hoch wurden mit einem herrlichen Ausblick belohnt. ‚Klick‘.
Es ging bergab Richtung Strand. Ich hatte Probleme, dem schmalen Pfad zu folgen. Die Schwerkraft – von der ich bis dato nur in den Vorlesungen gehört habe – erlebte ich nun hautnah. Sie überlagerte meine Beine mit einem Plus an Geschwindigkeit und ich musste sehr vorsichtig sein, nicht über die großen Geröllstücke oder Steine oder Wurzeln zu stolpern. Ein rauschähnlicher Zustand. Bergab macht Spaß. Viel Spaß. ‚Klick‘
Ich setzte mich auf eine Steinwand, lauschte dem Rauschen des Meeres, ließ mir ein wenig Studienwissen durch den Kopf gehen und stellte fest, dass dieses Trampelpfadlaufen für mich das Beispiel war, welches ich mir in den 3 Jahren Bachelor-Studium gewünscht hatte. Eine Sache, mit der man jedes abstrakte Studienfach irgendwie erklären oder zumindest veranschaulichen konnte. Etwas, womit das ganze Zeit weniger streng und spaßiger wurde. Hätte ich doch vorher dieses Trampelpfadlaufen entdeckt. Trampelpfadlaufen als Nachhilfelehrer. ‚Klick‘.
Die Sonne ging allmählich ganz unter und ich musste mich beeilen um nicht in der finsteren Nacht nach Hause zu laufen. Sich nochmal den Hügel hochquälen, nochmal den herrlichen Blick genießen. Sich nochmal den Hügel hinabstürzen, nochmal alles um sich vergessen. ‚Go with the flow‘. Verschwitzt, glücklich und total erschöpft kam ich in der Ferienwohnung an, meine Freundin machte sich schon ein wenig sorgen. Nach der Dusche hatte ich ein völlig neues Gefühl. Ein bisher noch nicht dagewesenes und deshalb auch zunächst Komisches Gefühl. Innere Ruhe, ein wahnsinniges Glücksgefühl und tiefer, seelischer Frieden mit mir selbst.
Ich spürte förmlich, wie mein Hirn meinem Körper die Hand schüttelte, umarmte und sich bei ihm bedankte für dieses tolle Erlebnis.
In meinem Kopf wurde ein verrosteter, verstaubter und schwer zu entdeckender Schalter umgelegt und ein Portal machte sich auf in eine neue, geheimnisvolle und paradiesische Welt namens „Trampelpfadlaufen“, in die ich nun hineintrat.
Ich sagte auf wiedersehen zu meinem Touristendasein in der alten Welt:

„Tschööhö“

…ich kam also aus dem Strandurlaub wieder und eines war klar: Die Wege, die ich knapp zwei Jahre zuvor gelaufen war, würde ich in dieser Form nie wieder laufen. Als allererstes lief ich Richtung 10-km-Schleife und sah die grüne Tür, die zuvor einen Spalt breit offen war, nun sperrangelweit offen stehen. Meine Neugier übernahm das Steuer über meinen Verstand und ich lief über einen weichen, angenehm riechenden und ebenso angenehme Geräusche – nämlich garkeine – machenden Pfad mitten in das Grün hinein. Kein Scharren des Schotters mehr. Um mich herum Bäume, die Schatten spenden und das Licht nur häppchenweise reinlassen, so dass ein prächtiges Farbenspiel entstand. Der Pfad wurde immer schmaler, Zweige und Blätter versperren mir den Weg. Der Verstand sagt „Kehr zurück!“ aber die Neugier läuft durch die Blätter durch und von ihnen gestreichelt laufe ich den Pfad weiter. Immer weiter, bis mir ein Baum den Weg versperrt. „Kehr zurück!“ sagt mir mein Verstand wieder, aber die Neugier springt über den Baumstamm, wieder durch Blätter hindurch den kleinen Pfad entlang, der irgendwann wieder auf den großen Schotterweg mündet, den ich sonst immer lief. Den großen Schotterweg bin ich seit dem nie wieder gelaufen. Im Anschluss fing die große Suche nach Trampelpfaden an. Ich erschloß einen neuen Wald, immer weiter weg in die Tiefen der Bergstraße und des Odenwaldes hinein. Andere Städte, andere Regionen. Bis ich meine erste große Trampelpfadliebe vergaß. Doch auf der Suche nach Trampelpfaden kam ich immer wieder zurück hierher, zu meinem ersten entdeckten Trampelpfad zu dem ich ein spezielles Verhältnis pflegte. Welcher mich „erdet“ und unwiderruflich mit meiner ersten Trampelpfaderfahrung verbunden bleibt.

Doch Dienstag musste ich mit entsetzen feststellen, dass die Holzfällarbeiten aus dem Ruder gelaufen sind. Die Maschinen haben nicht nur meine schmalen Pfade umgepflügt und ihnen ihre hässlichen Reifenspuren hineintatöwiert sondern aus ihnen auch eine Art vierspurige Waldautobahn gemacht. Farbspiele gibt es nicht mehr, das Licht dringt durch eine klaffende Wunde, wo vormals die Baumkronen waren. Die Stelle, an der sich der Pfad nochmal verengt wurde ebenso brutal aufgerissen. Quasi-Vandalismus. Ein paar Baumstümpfe am Wegesrand zeugen noch von dem ursprünglichen Zustand „meines“ Weges. Ein gewisse Trauer machte sich in meiner Brust breit und so lief ich weiter, voller Angst, dass man mir nächstes Jahr vielleicht einen anderen liebgewonnenen Weg nimmt.
Vielleicht wächst der Pfad wieder zu und vielleicht ist er dann ansatzweise so schön wie „mein“ erster Trampelpfad. Er wird jedenfalls nichtmehr „mein erster großer Trampelpfad“ sein. Sondern irgendwas anderes. Diese Zeilen widme ich dir. Meiner ersten großen Trampelpfadliebe.
Du hattest nicht die schönsten Kurven.
Du hattest nicht die steilsten Berge.
Für mich warst du trotzdem was ganz besonderes.

„Tschööhö“

😉

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