Schmuddelkinder.

Der THR33KY 7-HILL THRILL ist vorbei und wie ein (richtig krasser) Kater, hat man noch ein, zwei Tage danach noch etwas davon. Es wird sich artig bedankt, sämtliche Fotos hochgeladen, Facebook-Freundschaften geschlossen und sich für künftige Läufe verabredet.
Doch mitzulaufen war die beste Entscheidung die ich in letzter Zeit getroffen habe.
Zwar verarmt man durch die Lauferei, das viele tolle Zeug, die Schuhe (oh mein Gott, die Schuhe) und diversen Veranstaltungen (ok, die eine) an finanziellen Mitteln, im Umkehrschluss wird man umso reicher an Erfahrungen, Bekanntschaften, Erlebnissen und Eindrücken. Lohnt sich. Definitiv.

Auf der Rückfahrt vom THR33KY 7-HILL THRILL habe ich ein wenig nachgedacht.
Für die Trampelpfadlauferei habe ich auf dem Zenit meiner Tischtenniskarriere, nach meiner besten Saison in der höchsten Spielklasse, die ich jemals gespielt habe, den Schläger an den Nagel gehangen. 17 Jahre Tischtennis werfe ich mehr oder weniger über Bord. Meine Mannschaftskameraden konnten das zu großen Teilen eher nicht nachvollziehen. Wenn ich keine Lust hätte, solle ich doch Pause machen und dann wieder anfangen. Doch wenn die fehlende Identifikation mit dem Sport, selbigen die Existenzgrundlage entzieht, ist es vielleicht Zeit, das Kapitel zu beenden. Leistungszahlen, mit denen man an Hand einer Zahl „ablesen“ kann, wie gut jemand ist. Stundenlange Fahrten, Spielzeiten von vier Stunden, bloß um in – oft von blöden Sprüchen – vergifteten Atmosphären seinen Sport auszuüben. Von der leckeren Luft mal ganz zu schweigen.
Mittlerweile ist bei mir die Schwelle dessen, was ich ertragen kann, einfach zu weit gesunken. Ich muss daran denken, wie ich die Hochsommer in einer brühend heißen, schwülen, stickigen Halle und nach Ende der Saison Wochenende um Wochenende auf Turnieren verbracht habe und mich ärgerte, dass die Sonne gerade auf- oder untergeht, da es auf den Tischen so stark blendete.
Lieber behalte ich die schönen Augenblicke in Gedanken. Vorallem, als fast meine gesamte Mannschaft am Streckenrand stand, als ich (am Tag nach einem Meisterschaftsspiel) in Darmstadt meinen ersten Marathon lief. Einer ist sogar 5 km in Chucks und Jeans neben mir hergelaufen. Schöne Zeiten.

Mannschaftskamerad als Pacemaker und Mitbewohner als Fotograf/Wasserträger

Während ich mich während des Studiums damit beschäftige, wie man die Welt aus der technischen Perspektive ein wenig nachhaltiger gestaltet oder mich zumindest dieser Illusion hingebe, kann man mit Trampelpfadlaufen doch einiges mehr erreichen. Vermute ich. Glaube ich.
Ich las Björns Blogeintrag über einen sauberen Taunus und sein Vorhaben, sich den lokalen UMPAs anzuschließen. Sogar ich als „Tourist“ im Taunus war ein wenig überrascht, dass dort soviel Müll an den Bänken im Wald oder an den Parkplätzen herumliegt. Sieht einfach nicht gut aus, bunte Plastiktüten mitten im Wald zu sehen, oder sogar Glasscherben auf den Pfaden entdecken zu müssen. Nachdem ich im Darmstädter Wald mehrere Kindergartengruppen entdecke, deren Kindergärtnerinnen die Kinder ermahnten, ihren Müll doch gefälligst aufzuheben und auch die Dose dorthinten gleich mit („Ja, auch wenn sie nicht von dir ist!“), dämmerte etwas in mir…
Man führt die Kinder ans Trampelpfadlaufen oder einen ähnlich naturverbundenen „Sport mit Lebensphilosophie“ an. Das Kind wird sowohl einen Hang, als auch ein großes Verständnis zur Natur entwickeln. So wie ich mich damals über eine rutschige Halle beim Tischtennis beschwert und dann freiwillig den Boden geputzt habe, wird sich ein laufendes Kind vielleicht auch über den schmutzigen Wald beschweren und freiwillig das ein oder andere Abfallstück beseitigen.
Ein Kind, dass auf den Trampelpfaden groß wird, wird diese also nicht verschmutzen oder zerstören, die vielen Wälder, Mittel- und Hochgebirge – die in Deutschland so zahlreich sind – hüten und pflegen.
Während man mir im Studium immer wieder sagt, dass die Energiewende schwer bis unmöglich umzusetzen sei und wir – als angehende Ingenieure – uns nicht zu sehr der Illusion hingeben sollen, die Welt zu retten oder die Stromerzeugung komplett auf „grün“ umzustellen, fällt mir der Begriff „Graswurzelbewegung“ ein.
Statt die schiefen Türme dieser Welt mühsam und einzeln aufrichten zu wollen, kann man doch dafür sorgen, dass sie auf einem soliden Fundament stehen und garnicht erst „kippen“?
Diesen Gedanken lassen wir mal so stehen und denken ihn erstmal nicht weiter 😉
I have a dream.

Da zuviel Pathos auf Dauer ein wenig anstrengend sein kann, möchte ich nicht verschweigen, dass mir all‘ diese Gedanken während der Rückfahrt aus dem Siebengebirge bzw. auf der Autofahrt heute morgen (Mittwoch) gekommen sind. Diese Gedanken mache ich mir, während Lemmy von Motörhead etwas über seine Spielsucht, mein Freund James etwas über den Sandmann zum besten gibt und ich mir während der Fahrt die Kontaktlinse wieder ins Auge drücke. Rock’n’Roll. Nachmachen trotzdem nicht empfohlen.
Aber immerhin will ich ja den Taunus sehen. Meinen guten alten Freund Taunus.
Nachdem ich also um 6:00 (am 1. Mai) aufgestanden bin, um Salzkartoffeln (mehr dazu später) zu kochen, fahre ich die menschenleeren Autobahnen entlang. Der Taunus trohnt irgendwann vor mir, ich fahre auf die ebenfalls menschenleere Hochtaunusstraße zum Treffpunkt. Ich mag die Fahrt durch den Taunus. Heute ist der Taunus nebelverhangen und ein wenig geheimnisvoll, die riesengroßen Nadelbäume trotzdem majestätisch und in Ehrfurcht komme ich am Parkplatz an. Ein Wind bläst und lässt jeden frösteln. Es hat die Tage zuvor geregnet im Taunus. Die Tour heute verspricht auf alle Fälle sehr viel Matsch. Sehr gut. Sehr, sehr gut!
Viele alte bekannte vom Taunus-Trail-Weekend und (für mich) neue Gesichter machen sich los durch die heute einsamen Wälder des Taunus‘. Nach einem kurzen bergauf auf einem hauchzarten, weichen Nadelpfad (spätestens hier bin ich Feuer und Flamme), geht es erstmal in einen knackigen Downhill. Wurzelig, sehr steinig, nass und schlammig, zwischen Nadelbäumen vorbei. Mit diesem Adrenalinstoß sind auch die letzten wach am heutigen morgen.
 
 
Was runterkommt, muss auch wieder hoch und so machen wir uns im Stechschritt rauf zum Altkönig. Steinig, sehr glitschig und steil. Weiter. Noch steiniger, ebenso glitschig, idyllisch durch eine Reihe Bäume hindurch – ich rutsche aus und habe Spaß daran – hoch zum Altkönig. Ich frage mich, ob es Leute gibt, die hier wandern. Solche Pfade machen dem gemeinen Wanderer bestimmt eher Sorgen als Freude. Kurze Pause oben, bevor wir uns eine halsbrecherische, da extrem steinige, Bergabpassage runterstürzen. Umknicken ist garantiert, aber so wenig wie der Raucher sich Gedanken um seine Lunge macht, so weniger Gedanken machen wir uns um unsere Bänder, Knochen und Gelenke und stürzen trotzdem runter. Mit einem Lächeln im Gesicht. Weiter zur Burg Falkenstein ein Gruppenbild schießen.
 

 

An irgendeiner Stelle landet Björn beim Versuch eine große, schlammige Pfütze zu überspringen mit einem Fuß im Matsch. Aus Solidarität unserem Meister gegenüber tun wir es ihm gleich. Man fragt sich, warum man auf der Böschung neben den Pfützen läuft und während wir wieder auf den weg springen, stoße ich einen Schrei aus und renne mitten durch den kleinen Regenwasserbach, der sich in der Rinne gebildet hat. Ich lache laut, Wasser spritzt nach links und rechts, meine Füße sind längst nass, aber es geht bergab und der Boden ist weich. Vollgas.
Die Hemmungen fallen, man tut es mir gleich und ich freue mich wie ein Kind. Meine Schuhe sind jetzt immerhin sauber, die Socken nass und schwer. Manch einen Pfad kenne ich zwar schon, ohne Schnee ist es eine komplett neue Erfahrung und sowieso: Man kann diese Pfade einfach nicht oft genug laufen.
Plötzlich halten wir an einer Stelle. Ein Feldweg führt geradeaus, um den Hügel herum zum Zwischenziel. Entweder laufen wir außenrum oder wir laufen querfeldein die steile Böschung den Hügel hoch.
„Welchen weg wollt ihr den nehmen?“ fragt uns Björn. Die Gruppe beschließt, den direkten Weg den Hügel rauf zu nehmen und so geht es – manch einer schreiend 😉 – den Hügel hoch. Erst durch Laub, dann über moosbewachsene Felsen, mit Händen und Füßen auf allen Vieren. Auf dem „Gebirgskamm“ angekommen erstmal kurze Rast. Zeit für PowerPotatoes á la MacGaida. Christian hat mir am HILL-THRILL Sonntag mit seinen Salzkartoffeln, mehr oder weniger, das Leben gerettet. Zwar war mir die Möglichkeit, gekochte Kartoffeln als Nahrung für Ausdauersportler zu benutzen nicht gänzlich neu, jedoch völlig im Unterbewusstsein versunken und Sonntag wieder aufgetaucht. Völlig ausgehungert händigt Christian mir Salzkartoffeln aus, die leckersten Kartoffeln die ich bis dato gegessen habe. Es macht ‚Klick‘ und ich finde ein weiteres Puzzlestück im großen Projekt ‚Trampelpfadlaufen‘. Es gibt Gels und Riegel in allen Formen und Farben, welche jedoch oft pappsüß und für meinen empfindlichen Magen nur schwer verdaulich. Die ‚PowerPotatoes‘ sind für mich die eierlegende Wollmilchsau. Magenfreundlich, herzhaft, reich an Mineralien und Kohlenhydraten und auch für Deppen wie mich einfach herzustellen.
Nach anfänglichem Misstrauen meiner Mitläufer („Isst du jetzt wirklich Kartoffeln?“), hat dann doch fast jeder zugegriffen und war angetan. Die Kartoffeln gehen also weg wie warme Semmeln.
 
 
 
Frisch gestärkt geht es weiter zum großen Zacken.
Am großen Zacken angekommen genießt die Gruppe die Aussicht über den Taunus.  Pflichtprogramm für den Trampelpfadläufer: an Orten mit schönen Ausblicken und/oder der Ruhe einfach mal die Stille und/oder den Ausblick genießen. Wenn man will, kann man auch mal kurz in sich kehren.
Es geht weiter und ca. 500 Meter vor dem Startpunkt geht mir ein wenig die Puste aus. Die Laufpause macht sich doch bemerkbar. Wie dem auch sei, hat Björn (mal wieder) groß für die Teilnehmer aufgetischt. Gummibärenzeug, Kuchen, Iso, Apfelschorle oder Erdinger alkoholfrei. Danke, dann doch lieber Kuchen und Bier. Wir stoßen an, lassen den Lauf plaudernd ausklingen und gehen unserer Wege. Hat sich die doch längere Anreise und der Riesenumweg – weil die Kackfahrradfahrer (man verzeihe mir) den Taunus bevölkern und die Polizei hermetisch alles abriegelt – doch absolut gelohnt.

Nach der Pulverschneetour Ende Februar und dem 1. Taunus TRAILrunning Weekend Ende März, ist das hier erst meine dritte Tour beim Björn, doch ich habe das Gefühl, schon ewig dabei zu sein, kenne ich die meisten Teilnehmer doch schon. Es entwickelt sich allmählich eine gewisse Vertrautheit zum Taunus. Ich wünsche mir jedenfalls für Björn und „unsere Sache“ generell, dass mehr neue Teilnehmer an Björn Touren teilnehmen und sich den Taunus mal näher angucken. Lohnt sich!

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