Shanti, Shanti.

Die sechzehnte Woche des zweitausenddreizehnten Jahres nach dem gregorianischen Kalender beginnt für mich mit einer neuen, eigenen Zeitrechnung. Neben ebenjenem Gregorianischem Kalender und dem Rumi-Kalender gibt es jetzt auch den Achillodynischen Kalender. Den Kalender meiner Achillessehne.

Am Montag ist das achillodynische Jahr stolze 22 Tage alt geworden. Parallel dazu bricht Tag 4 meiner 14-tägigen Laufpause an. Diese Woche steht ein großes Programm an Ablenkungen an und der Montag Vormittag beginnt mit meiner ersten Yoga-Sitzung.
Auf dem Taunus-Weekend wurde mir Pilates als sinnvolle Ergänzung zum Laufen schmackhaft gemacht und gleichzeitig angerissen, dass es dort verschiedene Ausrichtungen gäbe.
„Das eine ist mehr so auf Dehnung ausgelegt und die anderen eher auf esoterisches Zeug. Mehr oder weniger.“
Von anderer Seite wurde mir Hatha-Yoga als „das richtige für einen Anfänger“ ans Herz gelegt.
Also gut. Hatha-Yoga soll es sein…

… so lief ich also bei strahlendem Sonnenschein und 20 °C mit meiner Isomatte zum Unisportzentrum und hatte dabei Probleme die Gymnastikhalle zu finden. Statt meinem Landsmann von Hausmeister in seinem Kabuff nach einem „Döner mit ohne scharf“ zu fragen, frage ich ihn nach dem Weg zur Gymnastikhalle, werde aus seinen Angaben aber nicht schlau und folge einfach meiner Intuition. Und damit den Mädels, die kollektiv in eine Richtung schwärmen. Meine Frage, ob hier jetzt Yoga sei wird von sieben Mädels abgenickt.
In einem Halbkreis sollen wir uns hinsetzen, die sieben jungen Mädels, die zwei anderen Jungs und ich. Der Reihe nach schaue ich jeden Teilnehmer an. Die Mädels in Tops und Yoga-Pants, ebenso wie die Yoga-Lehrerin. Die Jungs in Jogging-Buchsen und T-Shirts. Und ich? Ihr seht es oben.
In meinem THR33KY-Hardcore-Shirt, meinen kurzen Tischtennisshorts, meinem halbrasierten linken Bein und meinem völlig unrasierten Gesicht erblicke ich mich im Spiegel und muss alle Beherrschung aufbringen, um nicht spontan in Gelächter auszubrechen. Ich bin hier jedenfalls das Ausrufezeichen. Fettgedruckt.
Mein Grinsen werden die Mädels vielleicht als „lüstern“ abkanzeln und tatsächlich fühle ich mich ein wenig wie in einem bekannten Musikvideo und definitiv ein wenig im falschen Film.

 Aber gut. Ich kann ein sehr toleranter Mensch sein, wenn es mir in den Kram passt.
Im Schneidersitz bekomme ich die ersten Krämpfe, als ich versuche so zu sitzen wie die Yoga-Lehrerin.
„Wir legen die Handgelenke über die Knie, machen ein Kreis mit Daumen und Zeigefinger, spreizen die anderen Finger ab, schließen die Augen und sagen: Ooommmm. Den irdischen Ruf (oder sowas). Wer mag kann einstimmen.“ spricht die Yoga-Lehrerin.
Gut, dass ich die Augen zu habe und mich hier niemand kennt als auch ich irgendwann einstimme. Nach dem dritten lauten und langgezogenen Oooommmm überlege ich, wie es wäre anstatt ein viertes Mal Oooommmm zu singen, laut „Oi“ reinzubrüllen und einen mittelschweren Pogo mit den Yoga-Mädels anzuzetteln.
Gut, dass alle die Augen zu haben, während ich hier vor mich hin grinse.
Nach mehrmaligem Scheitern des „Baumes“ sind neben mir auch einige Mädels belustigt. Ich lache, bin nach den ernsten Blicken der Yoga-Lehrerin aber wieder der junge Padawan.

An dieser Stelle muss ich eine Lanze für’s Yoga brechen. Die Steigerung des „Om“, nämlich das „Om. Shanti-Shanti“ zum Abschluss der Yoga-Einheit habe ich vorerst in die Schublade für Esoterik-Kitsch gesteckt, aber soviel gedehnt und bewusst geatmet habe ich jedenfalls noch nicht. Tiefenentspannt und davon überzeugt, dass mir das für’s Laufen und generell gut tun wird wünscht uns die Yoga-Lehrerin eine gute Woche und entlässt uns.

Als nächstes steht Schwimmen auf dem Programm. Gelenkschonend und ein guter Ausgleichssport ist das ja sowieso und nach der vorlesungsfreien Zeit sowie meiner Rückkehr in die WG mache ich auch gleich mein Vorhaben, wieder regelmäßig ins Schwimmbad zu gehen, wahr.
Ich decke mich im Sportgeschäft mit einem „Pull-Buoy“ ein, damit ich beim Schwimmen auch nur die Arme einsetze.

Auf die Boje schreibe ich auch direkt die Adresse meines Blogs drauf, was mehrere Gründe hat. Meinen Vor- und Nachnamen auf die Boje schreiben wäre für den Finder eine eher uninteressante Informationen und schreit förmlich danach, von einer besorgten Mutti draufgekritzelt worden zu sein, die sich um das Zeug ihres Sohnes kümmert, welches er öfters mal irgendwo liegen lässt.
Neben Eigenwerbung soll das auch signalisieren, dass ich eigentlich einen anderen Sport mache und meine jämmerliche Schwimmtechnik bitte darauf zu schieben und zu entschuldigen ist.
Mit der Boje zwischen den Beinen beginne ich also, die Kacheln zu zählen und drifte mit den Gedanken ein wenig ab. Ich überlege, ob ich meine Kenntnisse der Strömungslehre praktisch anwenden und in eine effizientere Technik umsetzen kann, komme aber zu dem Schluss, dass es keine verwertbaren Kenntnisse mehr gibt. Während ich also im Wasser herumrühre grüble ich weiter und versuche jegliches Hochschulwissen mit Schwimmen zu verknüpfen, stelle dann sowohl fest, dass ich ein großer Nerd bin, als auch das die Zeit so schneller vergeht.

Irgendwie muss die Pumpe weiterarbeiten, also nehme ich mir vor, Fahrrad zu fahren. Der Mangel eines Fahrrads, welches nicht Leib und Leben in Gefahr bringt, zwingt mich dazu ins Fitnessstudio zu gehen um dort auf eine stationäres Fahrrad zu steigen.
Das Gefühl, die Beine in einer ansatzweise lauf-ähnlichen Art und Weise zu bewegen ist sehr schön. Aber auch das einzige, was in dieser einen (statt den vorgenommenen zwei) Stunde schön ist. Eine Stunde lang aus dem Fenster auf die benachbarten Betonbauten oder die zahlreichen Fernseher zu blicken scheint mir einer Höchststrafe gleichzukommen. Fragt sich nur welche Schuld ich begangen habe.

Ich schließe die Augen, kann mich aber nicht richtig ablenken. Nach einer halben Stunde freue ich mich, wenigstens die Sportbeans aus meinem Shirt zu ziehen und wegzunaschen. Die letzten 5 Minuten versuche ich das Standrad kaputtzutreten um die Aggresionen loszuwerden. Scheißding. Minimalbefriedigt ob der Ausdauerleistung hinterlasse ich einen See aus Schweiß und verlasse mein Standrad und das Studio.
Natürlich nicht ohne ein klassisches „Ich-war-gerade-pumpen“-Bild vor dem Spiegel zu machen. Die Betriebsamkeit in der Umkleide zwingen mich zu einer abgespeckteren Variante, da ich mich vor meinen Pumperkollegen ein wenig ziere.

Dann doch lieber schwimmen. Der Muskelkater in den Armen ist immernoch da, so dass ich heute gefühlt durch Honig schwimme und diverse Male von den Triathlon- und Schwimmvereinleuten überholt werde. Die Boje zwischen meinen Beinen kaschiert die Tatsache, dass man mich auch ohne die Boje genauso oft überholt hätte. Immerhin habe ich mich bewegt.

Die komplette Woche mache ich mehrmals am Tag meine Übungen für Wade und Achillessehne. Anfangs habe ich noch Muskelkater, später wird es immer besser und als nächstes sogar mit Zusatzgewichten.

Die Hanteln lasse ich links liegen und entscheide mich für eine feine Auswahl an Lehrbüchern, da ich die Doppeldeutigkeiten so mag. „Jeder hat sein Päckchen zu tragen“ fällt mir als erstes ein und nach dem ersten Satz lege ich das „Thermodynamik“-Buch zur Seite, weil es zu schwer ist. Verstehste?

Mit solchen Kalauern und der festen Überzeugung, dass die Übungen mir sehr viel helfen muss ich mich selbst bei Laune halten, die am Wochenende auf ihren absoluten Tiefpunkt ankommt.
Sebastian läuft in Hamburg Marathon. Christian ist 48 km gelaufen. Daniela ist 50 km gelaufen. Holger und Olaf sind den Ultra auf Mallorca gelaufen. 110 km. Ich bin so verdammt neidisch, dass ich Facebook kurzerhand schließe. Mein Handy summt und im whatsapp schicken mir meine Trampelpfadspezies Bilder von ihren Läufen am Wochenende. Ich hüte mich davor, mein neues Handy an die Wand zu werfen.
 
Um den Frust ein wenig zu mildern und Laufpausentag 10 von 14 zu überstehen reihe ich meine Schuhe auf der Fensterbank auf…

…und gehe im Gedanken die schönen Momente durch, die ich mit dem jeweiligen Modell jeweils hatte. Imaginär- statt Trampelpfadlauferei. Gedanken- statt Fahrtspiel.

In den Minimus Trail laufe ich also durch den Grafenberger Wald in Düsseldorf, wo ich letzten Sommer auf den weichen Reitwegen lief, die kleinen Hügel hoch, bergab, dort hoch springen, da runterhüpfen. Immer auf schönen, niedlich-kleinen Trampelpfaden in einer Art Mini-Mittelgebirgsurwald. Meine ersten richtigen Trampelpfade…

Die Fuji-Attack, mit denen ich am liebsten über den Kotelettpfad gejagt bin. Wellig, aber schnell. Das Gaspedal durchgedrückt. Über Holzbrücken rüber, an kleinen Tümpeln und Brunnen vorbei. Am Ende die letzte Holzbrücke links stehen lassen um über den Bach zu hüpfen…

Mit den Speedcross im Schneegestöber des Taunus‘ den Tiefschnee umgraben und die surrealen Bilder der Schneelandschaft noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Mich vom Schlittenhund ziehen lassen. Unfassbar schön…

Die heißgeliebten Sense Mantra. Liebe auf den ersten Blick. Lässt die Waden brennen und den Magnetsteinpfad mit völlig neuen Traktionsmöglichkeiten erleben…

Die XA Ultra-Klompen, die mir zwar nie die größte Lauffreude gebracht haben, in denen jedoch die schönsten Laufbilder entstanden sind…

Einen Ferrari gewollt, die S-LAB Wings 5 bekommen. Die neuste Errungenschaft in meiner Sammlung. Woran werde ich in Zukunft denken, wenn ich diesen Schuh anschaue…?
Der S-LAB Wings 5, in denen ich meine längsten und härtesten Läufe gemacht habe. Damals, bei den 4-Trails. Die ich trotz meiner Verletzung und den Sorgen komplett Laufen und genießen konnte. Der Anfang einer langen Trampelpfadläufer“karriere“.

Hoffentlich. 

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