Zwischen Bauchtanz und Apokalypse

Ich habe orientalische Wurzeln. Merkt man außer am äußeren auch an anderen Dingen.
So bin ich der Meinung, dass Goethe den Ausdruck „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ auch von einem Türkei-Urlaub mitgebracht hat. Wörter wie „sachlich“ oder „nüchtern“ werden Schimpfwörtern gleichgesetzt. Entweder ist alles Bauchtanz und Volksfest, oder die Welt geht morgen unter. Anders kann ich mir nicht erklären, warum man in den türkischen Top 20 der türkischen Lala 19 Lieder über Herzschmerz und Kummer findet und nur einen „Bauchtanz-Pogo“.
Mit der guten Laune ist es jetzt nämlich erstmal vorbei und wer heute keine Lust auf Wehklagen und Apokalypse hat, sollte das Fenster jetzt schließen 😉

Üblicherweise sind Erkältungen bei mir nach einer Woche verschwunden. Wenn der Husten und die Halsschmerzen weg sind, gehe ich behutsam wieder raus. So wie das andere (vernünftige) Läufer auch tun.
Als das nach einer Woche bei mir nicht der Fall lasse ich mich doch mal besser vom Arzt durchchecken: „Keine zweite Front aufmachen. Schonen sie sich.“ Kurz nach dem Arztbesuch schnüre ich die Laufschuhe und gehe raus. Die ersten Sonnenstrahlen lasse ich mir nicht entgehen. Sonne auf der Haut hat positive Effekte auf das Immunsystem. Hat man nachgewiesen. Ich glaube an die heilende Kraft der Sonne, ihren positiven Effekt auf das Immunsystem, schnüre die Schuhe und gehe raus…

Schwedenschanze. Spessart.
Hahnenkamm im Hintergrund.
Neuer Errungenschaft. Spessart.

Kurz darauf verschlechtert sich mein Zustand und als dann noch ein Pochen in der linken Brust dazukommt schrillen die Alarmglocken. Ob ich es vielleicht nicht ein wenig übertrieben habe?
Mein Arzt in Darmstadt ist selbst Läufer. Also nochmal von dem checken lassen. 90 Minuten warten für 2 Minuten Behandlung und eine „nette“ Geschichte. „Ich bin mal einen Marathon gelaufen, da ist ein 19 Jähriger nach dem Lauf Tod umgefallen. Herzmuskelentzündung.“ Danke Herr Doktor. Klasse Geschichte.
Das Ruhe-EKG entkräftet den Verdacht einer Herzmuskelentzündung und bis zum Ende der Woche habe ich striktes Sportverbot. Ohne mich aussprechen zu lassen verschwindet Onkel Doc und lässt mich mit meinem Pochen im Ungewissen. Ich werde das Gefühl nicht los, ein wenig übergangen worden zu sein, knirsche mit den Zähnen und ziehe ab.
Meine Vorbehalte Ärzten gegenüber sind heute jedenfalls nicht geringer geworden.

Die Sportpause trifft mich hart. Genau jetzt kommen die ersten Sonnentage und jeder stellt Bilder von Trails im Sonnenschein ins Internet. Ich sehe Läufer überall und am liebsten würde ich jeden einzelnen abgrätschen. Meine Gute Laune trübt man nur extrem schwer, doch in diesen Tagen ist „Oscar the grouch“ eine Witzfigur gegen meine miese Laune. Montag dann das ok vom Arzt. Nochmal durchchecken lassen bevor es losgeht: „Sie sind fit, sie dürfen wieder raus. Aber langsam.“
3 Arztbesuche bei 2 verschiedenen Ärzten in 2 Wochen. Neuer Rekord für mich, die Verunsicherung ist aber groß. Sowas habe ich in meinem Leben noch nie erlebt.

Bäume ausreißen kann ich immernoch nicht, immerhin aber wieder laufen. Die Gedanken eher nach innen in den Körper gerichtet, als nach außen auf die Trails. Wenn der Arzt sagt, ich wäre fit, woher kommt dann das Schwindelgefühl und die Benommenheit? Woher die Schmerzen in der Brust?

Himmelhochjauchzend…
…und am Boden zerstört.

Meine Laune erreicht ihren Tiefpunkt am Samstag. Die Sonne strahlt auf meine Bücher, mir geht es gut (denke ich).
Rucksack packen und wenn es gut läuft „einen langen“ machen. Doch irgendwas saugt mir die Kraft aus den Glieder. Am Abzweig bleibe ich stehen, nun muss ich mich entscheiden. Links den geplanten Weg oder rechts auf kürzestem Weg nach Hause. Die Entscheidungsfindung gibt meinen Gemütszustand sehr gut wieder. Erst biege ich links ab, weil ich will.
Entscheide mich aber dann doch, umzukehren um rechtsherum auf kürzestem Weg nach Hause zu laufen, weil es sinnvoller ist.
Bei dem Sonnenschein muss aber noch ein schönes Bild geschossen werden. Kamera in den Schnee gesteckt. Anlauf nehmen? Ne, lieber hinsetzen. Alles Scheiße.

Ich während den nun 3 „kranken“ Wochen oft an mein Telefonat mit Martin denken, der sich beim Laufen die Bänder gerissen hat. Sein Schienbeinkantensyndrom und seine Muskelschmerzen waren ein Signal der Überlastung und eine Warnung des Körpers. Der Bänderriss die logische Konsequenz, dass der Körper genug hat. So Martins Arzt.
Was ist das bei mir? So richtig krank war ich ja nicht. So richtig fit bin ich auch nicht.
Warte ich jetzt einfach ab, bis ich wieder gesund bin?
Bitter für mich, da ich in den letzten zwei Jahr – in gesundem Rahmen – immer mehr abnehme, mich so gesund ernähre wie noch nie und generell sehr auf mich und meinen Körper aufpasse.

Immerhin steht am kommenden Wochenende das „1. Trailrunning Taunus Weekend“ an, auf das ich mich seit der Anmeldung wie verrückt freue. Lauter netter und spannender Menschen warten dort darauf die wunderbare Kulisse des Taunus‘ 3 Tage laufend zu erkunden und sich kennenzulernen. Wie auf Klassenfahrt und für mich, das bisherige „Non-Plus-Ultra“ an Trailerlebnis. 3 Tage Nonstop im Trailwahn.
Wie Karate Kid unter einem Haufen Mister Miyagis fühle ich mich. Wissen und Erfahrungen anzapfen. Inspirationen abholen.
Doch in meinem Zustand stelle ich mir die Frage, ob es sinnvoll ist, 110 km in 3 Tagen zu laufen. Björn beruhigt mich und sagt, dass es die Möglichkeit gibt, früher aus- oder später einzusteigen. Das stimmt mich positiv.
Ausserdem braucht er noch jemanden, der einen Bericht schreibt. Na das ehrt mich sehr und hebt meine Laune ungemein. Also werde ich die Woche in mich hineinhorchen, abwarten, Tee trinken, wieder und wieder selbst aufmuntern. „Das wird schon.“

Man sagt mir auch nach, dass ich etwas „verkopft“ bin und so mache ich mir meine Gedanken. Na klar.
Nach meinem Bachelorabschluss vor einem Jahr – ein Meilenstein für mich und das Ende von 3,5 Jahren Nonstop-Versagensangst – habe ich das Poster mit den abgehakten Klausuren an der Wand hängen lassen. Um mir jeden morgen zu vergegenwärtigen, was ich schon geleistet habe. So starte ich meine Tage, den erreichten Dingen wegen, stehts gut gelaunt.

In den letzten drei Wochen wache ich auf und hoffe, einfach wieder gesund zu sein. Statt also auf das Poster zu gucken, hätte ich mich lieber jeden Morgen an meinen tadellosen Gesundheitszustand erfreuen sollen. In Zukunft also mehr Demut vor der Gesundheit, die trotz der Zuwendung auch mal schlapp macht.
Nach jedem Berg kommt ein Tal, kommt wieder ein Berg. Trailläufer kennt das ja.
So steil es in den letzten Monaten bergauf ging mit meiner Fitness, so schnell musste auch ein Dämpfer kommen. Habe ich in meinem „Verkopftsein“ schon berücksichtigt.

In unseren „Kulturkreisen“ herrscht der Glaube, dass man jemanden oder etwas nicht überschwänglich loben soll, da man sonst Böse Geister anlockt, die einem das Schöne gleich versauen wollen. Auch „Böser Blick“ genannt und durch blaue-weisse „Nazar“-Augen verhindert. So sagte mir mein Vater neulich am Telefon: „Jaa, siehst du. Du hast dauernd gesagt, wie fit du dich fühlst, seitdem du läufst. Jetzt hat es dich geholt.“
Mein Vorbild Lieutenant Columbo würde sagen: „It came back and bit him.“

Auch 3 Wochen Ungewissheit und schlechte Laune haben manchmal eine etwas makaber-lustige Seite. So entdecke ich www.trailporn.com in strahlendem Sonnenschein und absolutem Laufverbot.
Das ist so ätzend, dass ich darüber lachen muss.
In diesem Sinne: „Bauchtanz, ihr Säcke“

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