Salomon. Speedcross.

Ich wollte mich schon seit längerem darum kümmern, meinen „Haustrail“ ein wenig aufzumotzen. Weniger Waldautobahn, mehr Trails, mehr Höhenmeter.
Montag schien mir dafür ein sehr guter Zeitpunkt. Kalt und verschneit waren die Wege und so machte ich mich auf.
Mein Hausstrecke führt von A nach B und verbindet dabei zweieinhalbWälder miteinander. Ich lief los und ließ mich von meiner Neugier treiben. Gleich zu Beginn entdeckte ich dann einen kleinen schmalen Pfad den ich hochlief und welcher irgendwann links abbog. Moment. Da geht es hoch, kann man da langlaufen? Ja kann man. Zunächst sah das alles eher nach umgepflügtem Wildschweinwaldboden aus, aber irgendwie stehen hier viele scheinbar halbwegs neu gepflanzte Bäume rum. Dankenswerterweise benutze ich den Schnee heute als „Textmarker“. Der Schnee legt sich strahlend weiss auf jeden schmalen Pfad, der dem Auge sonst verborgen bleiben würde. So schlängel ich mich bis an das Ende dieses Weges der am Wegesrand und einem Försterstuhl mündet. Der Schnee zeigt mir wieder, dass gleich an diesem Wegesrand ein weiter Trail in das Herz des Waldes führt und so begebe ich mich immer tiefer in den Wald und bin fasziniert wieviele kleine Pfade links und rechts abgehen, alle werben und meine Gunst und wollen von meinen Schuhen betreten werden 🙂
Ich möchte eigentlich einen engen, wurzeligen Bergauftrail mit dem Anstieg zum Prinzenberg verknüpfen. Die Basisroute (ein Wanderweg) führt mich nämlich auf der Waldautobahn dorthin (muss nicht sein, bin ja jetzt kein Anfänger mehr 😉 ). Anfangs bin ich besorgt ob mir das überhaupt gelingt, doch nach kurzer Zeit habe ich eine so große Anzahl von wegen mit denen ich diese beiden Stellen verknüpfen kann, dass ich zwischenzeitlich ein wenig überfordert bin. Ein Fleck Wald ist von immergrünen Bäumen (genaue Bezeichnung weiss ich leider nicht. Kiefern/Fichten?!?) besetzt und ich laufe die weisse Schneespur ab, die mich mitten durch dieses Stück Wald führt und fühle mich ein wenig wie Harry Potter in seinem letzten Film. Am Ende komme ich tatsächlich am Prinzenberg an und laufe die mir bekannte Route heimwärts. Ich bin gespannt, wieviele Höhenmeter auf der Gesamtroute dazukommen.

Dienstag: Auf der „blackroll-orange“ die Beine massieren und Martin’s Trainingsplan durchackern. Martin macht mich darauf aufmerksam, dass es einen Termin für den nächsten Revierguide gibt. 17. Februar. Panisch gucke ich in meinem Kalender: „Lass mich Zeit haben, bitte bitte lass mich Zeit haben“. Ich habe Zeit. Yessss. Der Revierguide ist in Aschaffenburg. 40 km wahlweise von mir oder von meiner Freundin aus entfernt. Yesssss. Ich frage meine Freundin lieb, ob ich mir ihr Auto borgen darf, für diesen Tag, damit ich auch die „After-Trail-Party“ besuchen kann. „Sieht gut aus“ sagt sie. Yesssss. Jetzt irgendwie den Monat bis dahin überstehen 🙂

Mittwoch:  Der Wecker klingelt um 6 Uhr, ich frühstücke, ziehe mich an und stehe um 7:30 in der Straßenbahn um aus der Stadt rauszufahren. Mit Rucksack, Stöcken und Windstoppertights stehe ich nun in der Straßenbahn und bin dem Gelächter der Schulkinders und den schrägen (aber natürlich diskreten) Blicken der Erwachsenen ausgesetzt. Ich mache mir nichts draus. In der Dämmerung laufe ich los und bin schnell im Wald und zwei Rehe kreuzen meinen Weg. Hübsch anzusehen. Schön das es Rehe und keine Wildschweine sind. Ausser meinen Spuren sind nur Spuren von Tieren im Schnee. Ein bischen mulmig ist mir schon, so ganz allein in aller früh im Wald aber das vergeht schnell. Fast paranoid schaue ich mich nach Wildschweinen um und frage mich, woher diese Angst kommt. Ich habe noch nie ein Wildschwein gesehen, während ich lief. Oder überhaupt. Abgesehen bei Asterix & Obelix.

Schnee: Des Winter’s Textmarker Trailmarker.

Leider komme ich heute die Anstiege nicht so hoch wie ich gern möchte. Meine Stöcke sind jetzt meine besten Freunde geworden. Wahrscheinlich sind die Beine immernoch müde von dem plötzlich hohen Laufpensum. Egal, von nichts kommt nichts und irgendwann gewöhnen sich auch meine schweren Beine an die vielen zusätzlichen Höhenmeter.
Die neue Abzweigung wird ausprobiert und am Ende kommen den eigentlichen 16,5 km Strecke noch 2 km und 160 Höhenmeter hinzu. Ich bin also bei 760 Höhenmetern auf 18,5 km. Finde ich schon ganz sportlich für den Moment, aber bis Juli muss da noch mehr kommen. Ist klar.
„Wenn ich die beiden Hügel, die ich aktuell noch umlaufe hinzunehme komme ich sicherlich über die 900 Höhenmeter.“ Ziel ist es jetzt eine Strecke mit 1000 Höhenmeter zusammenzubasteln…

Donnerstag: Mittagsschlaf. Es klingelt (ich weiss, es ist mein reparierter Laptop), ich springe (!) aus dem Bett, rutsche auf meinen Hausschlappen aus, räume mein halbes Regal dabei aus und hole mir eine Schramme. Paket wird aber empfangen, nur um festzustellen, dass der Herr Techniker vergessen hat, die Notebooktastatur wieder anzustöpseln.
„Ja, kann ja mal passieren sowas. Das können sie ja selber machen.“
„Ihr Gaspedal klemmt und sie fahren gegen die Wand. Kann ja mal passieren. Im nächsten Leben können sie das ja dann selber konstruieren. Ist ganz einfach.“ Bischen schroff und gehört hier eigentlich nicht rein, erleichtert es mir aber, Martin’s Rumpf-/Kräftigungsübungen durchzuackern. Am liebsten würde ich auf den Hantelscheiben kauen…

Freitag: Zu „Besuch“ bei meiner Freundin im Spessart. Der Revierguide ist nicht weit weg von hier. Ein bischen Revierguideluft schnuppern also. Ich frage Benni aus meinem alten Verein, ob wir nicht gemeinsam eine kleine Runde drehen. „Alles klar, 14 Uhr biste hier an der Haustür.“

Saukalt soll es draußen sein. Ich schmiere mir mein Gesicht mit Vaseline ein und Hülle mich mit allem ein was geht. Thermotight, Skipulli, volles Programm. Mein Laufpartner steht schon draußen als ich die Tür aufreisse. Mütze, Handschuhe und kurze Hose. Kurze Hose?!?! „Sag mal, bist du bescheuert?“ „Ich laufe nie in langen Hosen.“ „Ich dachte du bist Kampfschwimmer?“
Was er auch ist. Und bald Feuerwehrmann. Ob die alle so krass sind?
Es hat seit Mittwoch ordentlich geschneit und es geht gleich steil bergauf. Oben am Wanderschild gebe ich vor, meine Uhr kalibrieren zu müssen. Fluche dreimal, weil es nicht so richtig will und hoffe, dass Benni nicht merkt, dass ich eigentlich nur eine Pause brauche. Nach 4-5 km sind alle Höhenmeter absolviert und ich kann das für mich hohe Tempo mitgehen, solange ich nicht reden muss. Benni erzählt und erzählt. Für ihn ist das wohl tatsächlich entspannt. Wenn ich reden muss, habe ich das Gefühl, dass gleich meine Lunge implodiert. Der tiefe Schnee macht das ganze natürlich alles andere als entspannter, die tolle Schneelandschaft aber wesentlich erträglicher. Ich ärgere mich, dass ich nicht die Speedcross eingepackt habe, denn mit meinen Fuji-Attack wird heute mehr Energie dissipiert als in Vortrieb gewandelt und bergab kann ich meine Masse auch nicht so hemmungslos runterstürzen lassen. Ich bedanke mich bei Benni für den tollen lauf und als die Tür hinter mir zu ist, muss ich mich erstmal hinsetzen. 11 km in 60 Minuten und 300 Höhenmeter habe ich noch nie geschafft. Aber heute bin ich ein bischen stolz und gönne mir ein wenig mehr Schoki.

Sonntag: Ich wache auf und stelle ein leichtes Kratzen im Hals und eine sich erhöhende Kopftemperatur fest. Nein, bitte nicht krank werden. Habe mir schon gedacht, dass ich meinem Körper in den letzten Wochen ein wenig zu viel zugemutet habe. Heute muss gelaufen werden und dann kann ich von mir aus eine Pause einlegen.
Die Freundin wird gebeten, doch ein wenig früher nach Hause zu fahren, „wegen dem blöden Wetter“ (und so). Beim Mittagsschlaf ein bischen Energie tanken, mit Schoki der Seele und dem Körper etwas gutes tun und los geht’s, die Heim- und Hausstrecke ein wenig mehr mit Höhenmeter würzen. Heute sind die verdreckten Speedcross an der Reihe. Im Schnee greifen die bestimmt sehr gut und ein bischen sauberer sind die nach dem Lauf bestimmt auch. Das hat sich im Treppenhaus eigentlich schon erledigt und ich hoffe, das der nette Herr von unten drunter nicht merkt, dass ich das Treppenhaus eingesaut habe.

Heute ist viel los im Wald. Viele Spaziergänger, also lieber die Routen wählen, auf denen sonst läuft. Ich merke schnell, dass ich meinem Smartphone immer näher komme, was die Akkulaufzeit angeht. Meine Bergaufbeine sind scheinbar bei 1 % angelangt und drohen, mich im Stich zu lassen. Nach heute werde ich mir eine Pause gönnen sage ich mir. Ich laufe an den Spaziergängern vorbei und komme an die Stelle, an der ich normalerweise immer links abbiege um an dem Berg vorbeizulaufen. Diesmal möchte ich aber rechtsherum um auf den Berg drauf zu kommen und ein paar mehr Höhenmeter auf die Strecke zu kriegen. Ich Depp habe aber nie mal 10 Meter „rechtsherum“ nachgeguckt, wo es da überhaupt hingeht. Nämlich geradewegs auf einen Gartenzaun zu. Um auf den Berg zu kommen, muss ich also ein wenig mehr ausholen und dafür habe ich heute weder Zeit, Lust, noch die nötige Kraft in den Beinen. Enttäuscht und schlapp schleppe ich mich also wieder zurück und es fängt an zu regnen. Der Himmel ist grau und es regnet. Sauwetter. Passt zu meiner aktuellen Gemütslage.
Wenigstens habe ich heute ein tolles Bild geschossen:

Kamera hinstellen, schnell zum Baum laufen, hochhechten und festhalten. Doof gucken und hoffen, dass das Bild was geworden ist. Die Spaziergänger fragen mich, ob ich verrückt sei. Ich sehe es als rhetorisch Frage und laufe weiter.
Auf dem Rückweg erkenne ich im Schnee meine eigenen Spuren und jedesmal auch die fremder Speedcrossträger. Einfach unverkennbar. Mir fällt folgende Werbung ein:

Ich stelle mir vor der alte Mann zu sein und irgendwann mein Trailwissen an kommende Generationen weiterzugeben.
Ich: *GucktstrengundzeigtmitFinger* „Salomon. Speedcross“
Kind: *schütteltmitKopfweilesdiegrößteErkenntnissseinesLebensgemacht*

Manchmal muss man sich ein zähen Lauf einfach schöndenken. Zumindest das scheint mir leicht zu fallen 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: