Eine Überdosis Trailrunning.

Jeder hat es mal erlebt. Man liest etwas, sieht etwas, hört etwas und denkt sich: „Hm, das klingt interessant, das macht bestimmt Spaß. Das probiere ich aus!“. Man probiert es aus, belässt es dabei oder macht weiter.
So geschehen mit mir und dem TRAIL-Magazin. Im Mai/Juni auf Mallorca gelesen und in Cala Ratjada statt an der Strandpromenade entlang den Aussichtsturm hoch einfach mal querfeldein rüber zum anderen Strand.
„Okay, das macht Spaß. Das machst du öfter“. Seitdem erkunde ich meine Umgebung so gut es mit öffentlichen Verkehrsmitteln innerhalb der Gültigkeit meines Stundentickets irgendwie geht. Taunus, Odenwald, Spessart und Vogelsberg (siehe ältere Beiträge). Meine Freunde erklären mich für ein kleines bischen verrückt. Einige Beispiele:

Ich laufe irgendeinen krassen Anstieg am Feldberg hoch als das Handy klingelt:
„Hallo?!?“
„Hey Orkan, wollen wir in der Mensa was essen gehen?“
„Sorry, laufe gerade den Feldberg hoch“

Ich sitze in der Regiobahn Richtung Heidelberg, will in Bensheim aussteigen und über den Melibokus zurück nach Darmstadt laufen. Wohlgemerkt in Lauftights, Funktionsjacke und dem heißgeliebten Salomonrucksack.
Die türkischstämmigen Mädels lästern über mich auf türkisch:
„Guck mal der Typ da in Leggings, voll bescheuert“
„Sieht voll Scheiße aus“
Ich antworte (auch auf türkisch):
„Seid ihr neidisch oder was?“
Leider spreche ich auch türkisch 😉

Ich laufe auf einem Waldweg im Spessart. Mein Motto: So wenig Waldautobahn wie möglich. Ich sehe, dass der Waldweg auf dem ich Laufe eine Etage tiefer unten weitergeht und sehe auch, dass man da bestimmt krass runterlaufen kann und tue es auch. Ich springe mit Tempo auf dem Waldweg und erschrecke ein wanderndes Ehepaar zu Tode. Nicke, rufe kurz „Guuude“ (ich bin ja in Hessen), grinse und laufe weiter.

Ich kaufe mir eine Regenjacke und stelle mich erstmal minutenlang unter die Dusche um zu testen, ob die auch wirklich wasserdicht ist. Von wegen Wassersäule und so.

Ich sitze am Schreibtisch, es fängt an aus Eimern zu gießen. Ich stehe auf, ziehe mich an, schnüre im Treppenhaus die Schuhe als mein Nachbar aus der Haustür kommt:
„In dem Wetter willst du laufen?“
„Klar, ist doch dann erst richtig schön“
„Du bist doch bescheuert!“

Ich treffe an einer Abzweigung zwei Mountainbiker, die auch hoch zur Feldbergspitze wollen. Sie gucken mich an, gucken sich gegenseitig an und lachen laut. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und sprinte an ihnen vorbei auf die Feldbergspitze. Ich stehe schon am Feldbergkreuz und knipse Fotos als die beiden auch oben ankommen. Ich zwinker ihnen zu und versuche lässig zu wirken, die Jungs sind spürbar angepinkelt. Meine Beine zittern, meine Lunge explodiert gleich und eigentlich klappe ich auch jetzt sofort ein, aber der Spaß hat sich gelohnt.

In dem halben Jahr, in dem ich ein bischen auf Trailrunning mache, habe ich schon ein bischen erlebt. Allerdings für mich allein. Der Revierguide sollte alles ändern. Ich lerne Martin und Steffen kennen, wir treffen uns zum laufen, treffen uns nochmal um uns Kräftigungs- und Stabilitätsübungen zu zeigen. Für’s Trailrunning versteht sich. Steffen läuft auch die 4-Trails. Super, immerhin kenne ich dann jemanden dort. Martin will jetzt auch mitlaufen, wir ermutigen ihn und werden wohl zu dritt sein.
„Ich bin vorher beim Basetrail“, sagt Steffen. Alles klar, wir kommen da auch hin.
Langsam läuft das ganze hier aus dem Ruder denke ich mir, als der Revierguide kommt.

Tollwütig laufe ich auf den Trails, meine Augen tränen permanent vor Freude und Glück (echt jetzt), ich falle hin, stehe auf, falle wieder hin und muss mich dabei total kaputtlachen. Bleibe mit dem Daumen in einem Dorn stecken, ziehe ihn raus und merke garnicht, dass das was wehtun soll. Aber das konntet ihr ja im letzten Beitrag lesen…

Zunächst voll Angst vor den Jungs und Mädels die schon was geleistet und erlebt haben. Doch hier scheint es tatsächlich nur Leute zu geben, die Spaß am Trailrunning haben wollen und ihren Sport genießen. Ist es eigentlich ein Sport? Skaterboarder weigern sich ja auch eher, ihre Sache als Sport zu bezeichnen. Eher ein „Lifestyle“.
Trailläufer sind ein bischen wie Pinguine, man nimmt den neuen in seinen Kreis auf, denn gemeinsam ist’s kuschliger.

Jetzt ist es mit mir geschehen. In meinem Kopf dreht sich alles um Trailrunning. Geistesabwesend starre ich im Auto aus dem Fenster auf die grünen Hügel um mich herum und höre meiner Freundin nicht zu („Hmm, klar. Beige ist schön“), denke mir nur: „Da musst du laufen, da warst du noch nicht“
Ich gucke wo die nächsten Revierguides sind und schaue schonmal, wie die Zugverbindungen dorthin sind, für den Fall, dass Steffen und Martin nicht fahren können.
Wen kenne ich, der irgendwo wohnt, wo man gut laufen kann?
Der Freund in München ist schon eingespannt: „Ja kein Ding, komm vorbei“
Ein anderer ist jetzt in Österreich…

Meine beiden Mitstreiter sind genauso verrückt.
„Da waren doch die beiden, die diese Touren machen.“ sagte Martin.
Gemeint sind Björn von Trailrunning Taunus und Holger von Trailrunning Eifel. Beide sind kontaktiert und beide werden von uns mindestens einen Besuch abgestattet bekommen.

Ich bin hungrig, ich will alles sehen und erlaufen. Aussichten genießen und meine Schuhe mit dem Dreck unterschiedlicher Regionen schmücken.
Ich schaue Harry Potter, sie laufen vor irgendwelchen Leuten im Wald davon und springen über Baumstämme durch den Dreck von den bösen Leuten davon. Ich freue mir einen Ast ab und denke: „GEEILLL, TRAIIIIILRUNNING, WOOHOOO“
Alles ist jetzt Trailrunning.

Ein Praktikumsplatz muss her für’s Masterstudium. Gut das viele Maschinenbau-Unternehmen im Süden sind. Gibt es auch welche in Garmisch-Partenkirchen? Oder sonstwo am Rande der Alpen? Irgendwie muss ich ja Studium und Trailrunning unter einen Hut kriegen 😉
Meine Freundin wird vorgewarnt:
„Wenn ich groß bin und fertig mit dem Studium, ziehen wir in den Allgäu oder so“

Es geistern soviele Sachen in meinem Kopf, die alle noch gemacht werden müssen. Ich bin ja noch jung…

3 Gedanken zu „Eine Überdosis Trailrunning.

  1. Hey Orkan,

    interessante Geschichten sind das und es ist immer wieder untrhaltsam, wie du einem die Gespräche von lästernden Türken übersetzt. Ich erinnere nur an: „Guck dir mal die Haaare von dem da an“. 😉

    LG aus Aachen, Flo

  2. „Alles ist jetzt Trailrunning“….schön, gell? 😉

  3. Steve Auch sagt:

    Genial!
    Gib Bescheid wenn du in der Ecke bist. Terminlich geht sich sicher etwas aus. Vielleicht können wir uns irgendwo zwischen Salzburg und München treffen wenn es Zeit und Wetter zulassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: