Der erste Marathon.

Zugegeben: Die Vorbereitung war alles andere nach Plan. Wo Trainingspläne über
mindestens 10 Wochen gehen, erfuhr ich erst 4 Wochen vorher, dass ich am Marathonsonntag (02. September 2012) frei hatte.

Zuvor war ich schon zweimal 37 km gelaufen, hatte es beide Male ganz gut weggesteckt und mir im Anschluss gedacht:  „Naja, die 5,2 km wirst du ja auch noch schaffen“.

Ob das gutgeht?

Übermüdet bin ich am Marathonsonntag aufgestanden, habe die Brote runtergewürgt und meine Verpflegung, bestehend aus Powerbar-Gels, Oatsnacks und Iso-Getränken vorbereitet.
Dankenswerterweise erklärte sich mein Mitbewohner und meine Freundin bereit,
mir das Zeug am Streckenrand zu reichen (was sich als Schlüssel zum Erfolg herausstellen sollte) und um 9 Uhr früh am verabredeten Punkt zu stehen.

Am Start reihte ich mich erstmal ganz hinten ein. Alle 3 Konkurrenzen begannen
gleichzeitig, das Gedränge am Start war also groß.
Lauter weißer T-Shirts von einem Darmstädter Pharma-Konzern. Überhaupt,
was sollen diese ganzen Firmenshirts?

Der Startschuss fiel und dann passierte erstmal garnichts. Zu voll. Als es dann endlich losging wurde ich (und andere) von den ganzen Firmenläufern aufgehalten. Ist auch nicht weiter schlimm, wenn man zu zehnt nebeneinander läuft und die ganze Straße
blockiert.

In der ersten Runde wollte ich erstmal die Runde kennenlernen. Wo sind die
Steigungen? Wo ist die Stimmung? Welchen Streckenteil mag ich und welcher ist
eher doof? Finden mich überhaupt die Leute die zuschauen wollten?

An der Rosenhöhe erwarteten mich bereits mein Mitbewohner und meine Freundin.
Glücklicherweise kam ich zweimal pro Runde dort vorbei, so dass ich beim ersten Mal immer vom Isogetränk trinken konnte und beim zweiten Mal ein Gel zu mir nahm. An den Verpflegungsstationen nur Wasser (später auch Cola). So war das von mir geplant und so funktionierte das auch über das ganze Rennen. Zum Glück.

Danach ging es knapp 4 km über’s Oberfeld. Der für mich langweiligste Teil
der Strecke, da nichts los war und man in weiter ferne die anderen Läufer sehen konnte, die mehrere Minuten vor einem lagen.


Erste Runde, alles Super
Die Gier
Support

In der Stadt über die Mathildenhöhe – von Musik und Menschen begleitet – vorbei am Darmstadtium. An der zweiten Musikanlage vorbei in den Herrngarten, die TU-Stadtmitte hinter sich lassen, durch das Martinsviertel wieder über Start und Ziel. Die Innenstadt war super, tolle Stimmung für so einen kleinen Marathon.
Allerdings ging es permanent hoch und runter. Zwar nicht wirklich viel, doch mit der Erschöpfung wird jeder Bürgersteig zum Hügel.
 
Die erste Runde war vorbei und die zweite auch. Das Tempo war mit 5:42 min/km
immernoch um einiges höher als von mir geplant, fühlte sich aber nach wie vor
gut an.
Dann kam das erste und einzige große Tief während des Laufes. Bei km 25 war das
„locker flockig“ allmählich zu Ende. Es fing an, ein wenig wehzutun und zu allem
Überfluss war ich am meist gehassten Streckenteil – auf dem Feld.
„Es tut schon weh und noch 17 km zu laufen. Vorallem bei dem Tempo.“ ging es mir
durch den Kopf.
Doch als ich 2 km später wieder mein „Team“ erreichte und es wieder in die Stadt ging
wurde es allmählich besser. Die Anlage spielte ein gutes Lied, die Leute jubelten mir
und allen anderen Marathonläufern zu und dann kamen mir zwei Mannschaftskameraden
auf der Strecke entgegen (auf dem Weg zum Treffpunkt), die ausrasteten, als sie mich
sahen. Das schlechte Gefühl war der Euphorie gewichen, Gänsehaut lief mir über den Rücken.
Vor Start und Ziel lief ich auf Augenhöhe mit einem älteren Herrn. Dieser sprach mich
dann an:
„Du siehst aber noch gut aus“ (bei km 30)
„Für meinen ersten Marathon ein gutes Zeichen, oder?“
„Ist das dein erster? Respekt.“
Das tat gut. Er erzählte mir, dass er momentan in seiner Altersklasse führt.
Er sagte mir er sei 62 und das ich ihm im Ziel doch bitte ein alkoholfreies Bier entgegenbringen solle.
Ich war noch nicht an dem alten Herren vorbei als mich nochmal jemand ansprach:
„Hey Orkan, dich habe ich gesucht“
Es stellte sich heraus, dass es der Bekannte war, der unter 4 Stunden bleiben
wollte und mit dem ich nicht zusammenlaufen wollte, aus Angst ich übernehme mich.
Jetzt überholte ich ihn und er sagte, er sei kurz davor auszusteigen.
„Jetzt bist du schon 32 km gelaufen, du willst doch wohl nicht aufhören“
Wir liefen wortlos ein Stück nebeneinander her und irgendwann sah ich ihn nichtmehr.
All‘ das gab mir ein gutes Gefühl, noch ganz gut drauf zu sein. Das Tempo war
für mich immernoch hoch, wenn ich so weiter mache, komme ich ungefähr um die
4 Stunden ran. Aber daran dachte ich währenddessen nicht.
Am Treffpunkt war das Team Orkan 8 Personen stark. Ein tolles Gefühl. Ich wurde
jetzt von 2 Leuten ein Stück begleitet, die mir Gels, Snacks und Getränke reichten.
„Wie fühlst du dich?“
„Ganz gut soweit, nur noch einmal das Oberfeld überstehen, dann hab ich’s gepackt.
Ich hasse das Oberfeld.“
„Na gut, dann begleite ich dich jetzt“

So kam es, dass ich 4 km lang von meinem Mannschaftskameraden begleitet wurde. In T-Shirt, Chucks und Jeans. Auf dem Oberfeld merkte ich, dass ich dem Tempo Tribut zollen musste. Es war jetzt schwieriger, das Tempo zu halten. Doch ich wollte mir nichts anmerken lassen. 

 
Wieder in der Stadt angekommen, war ich die letzten 4 km
auf mich allein gestellt. Ich hatte gedacht, dass mich die Stimmung noch
ein letztes mal pusht und ich die Schmerzen vergessen kann. Doch es war kaum jemand
noch dort. Wo vorher Menschenmassen standen war niemand mehr, nur noch die Streckenposten. Wer steht auch freiwillig 4-5 Stunden am Straßenrand um Leute anzufeuern, die er garnicht kennt?
Jetzt war ich also allein mit meinen Schmerzen und spürte deutlich, wie ich immer langsamer
wurde. Alles tat weh und am liebsten hätte ich einen Streckenposten von seinem
Stuhl getreten um mich mal 5 Minuten auszuruhen. Ich konnte nichtmehr.
Aber so kurz vor dem Ziel wäre ich auch auf allen Vieren ins Ziel gekrochen.
Vor dem Einlauf ins Stadion wartete mein Mannschaftskamerad auf mich und berichtete
mir später, dass ich dort schon um einiges langsamer war, als zu der Zeit in der
wird gemeinsam gelaufen sind. Egal.
Im Stadion nochmal eine 400m-Runde. Ich werde von meinen Leuten bejubelt, klatsche
ab und überhole irgendwen. Nochmal ein gutes Gefühl. „Jetzt sprintest du die letzten 400m“. Als ich das versuchte, merkte ich, dass wenn ich jetzt schneller laufe ich den Krampf meinen Lebens bekomme und seitlich ins Ziel rollen muss. Der Überholte schließt auf und zieht an mir vorbei. Mir ist das zu diesem Zeitpunkt total egal, aber halbe Mannschaft will, dass ich unbedingt diesen Kerl überhole und schreit mich quer über das Fussballfeld an. Ich „sprinte“,
bin auf gleicher Höhe als der Typ ganz easy noch 3 Gänge hochschaltet und wegzieht.
Alles egal, ich bin jetzt 10m vor der Ziellinie, der Stadionsprecher ruft meinen
Namen und macht noch irgendwelche blöden Sprüche über Tischtennis und Marathon
(ich gab an aus der Tischtennisabteilung vom SV Darmstadt 98 zu kommen).
Das alles höre ich nichtmehr, ich lasse mir eine Medaille umhängen und ziehe mir erstmal
Schuhe und Socken aus. Für’s jubeln bin ich zu platt, ziehe mir aber gierig ein
paar alkoholfreie Biere rein, bin total happy, lasse mich von meinem „Team“
beglückwünschen und feiern.

Dem älteren Herren habe ich tatsächlich noch ein Bier gebracht und der Bekannte
kam 5 Minuten nach mir ins Ziel. 15 Minuten langsamer als seine Zielzeit, doch immmerhin
ebenfalls im Kreise der Marathonfinisher angekommen.


Fazit: Klasse Gefühl sowas zu schaffen und hat von Anfang bis Ende viel Spaß gemacht. Auch die Quälerei zum Schluss. In Zukunft werde ich Aspaltläufe so gut es geht vermeiden.
Achja, das nächste große Projekt habe ich schon in meinem Kopf, doch dazu an anderer Stelle mehr 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: